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Doktrin der Ruhe

Für Symphonieorchester, Sampler und Live-Elektronik

Im Rückblick auf die Entwicklungsgeschichte der Erde und ihrer Menschheit waren die Zeitspannen, in denen die Evolution in Ruhe ihren Lauf nahm vorherrschend. Ab und zu schlug ein Komet ein, eine Art starb aus, eine andere entstand, genetisches Material verästelte sich, wurde komplexer, dann wieder Ruhe. Richtig laut und nervös wurde es erst, als der Mensch übernahm, sich zivilisierte, dann industrialisierte und jetzt digitalisierte.

In Doktrin der Ruhe habe ich sehr frei versucht, einen musikalischen Rückblick auf vergangene Zeiten zu nehmen, nicht chronologisch, keineswegs seriell und vollkommen frei von Zwölftonreihen. Die Allmacht und Schönheit der Natur, historische Ereignisse, vergangene Epochen und mythologische Figuren haben mich zu einer überwiegend tonalen und harmonischen Musik inspiriert. Ist ein musikalisches Motiv aufgetaucht findet es schon wieder zu seinem Ende, alles ist flüchtig und schwer festzuhalten, die Zeit hastet vorbei und macht beizeiten die Vergänglichkeit schmerzhaft deutlich. Während des Komponierens habe ich den verschiedenen Abschnitten große, pathetische Namen gegeben, die ich dann am Ende wieder gelöscht habe, da sie ihren inspiratorischen Zweck erfüllt hatten.

Gefundene und vorproduzierte Klänge, die meine Liebe für die elektronische Klanggestaltung und das Ableiten von Musik aus eigentlich nicht-musikalischen Klängen wiederspiegeln, werden von einem Samplerspieler, der Teil des Orchesters ist, in die Partitur integriert. Die von mir gesteuerte Live-Elektronik verabeitet ausschließlich Orchesterklänge in Echtzeit und ergänzt den alten Klangkörper um neue, fremdere, aber immer identifizierbare Klangsphären, ohne dabei dominieren zu wollen.

Der Versuch mich mit meinem ersten Stück für großes Orchester in meiner Art "Kunstmusik" zu komponieren neu zu erfinden, hat mir einen anderen Zugang zum Tonsetzen verschafft. Es geht auch ohne Formschemata, mathematische Formeln und wissenschaftlichen Anspruch, eine überlieferte Art, zu komponieren, die bei mir in der Vergangenheit oftmals zu entropischen Ergebnissen führte und eine Musik hervorbrachte, die mich heute seltsam kalt lässt. In meiner anderen Musik und dem Sounddesign der letzten Jahre für Theater, Musiktheater, Film und Internet hatte ich das schon lange entdeckt und ausgelebt, nun eben auch in meinen Kreationen aus der Schublade der "Neuen Musik".