drivin´ on my HARLEY - 2000



Komposition für / mit
Harley Davidson-Motoren, Stimmen, Gitarre(n)
Synthesizer/Sampler, Sopransaxophon
akustisches und elektronisches Schlagzeug


drivin on my HARLEY


Komposition/Text - Produktion - Synthesizer / Sampler - Sopransaxophon
Sprache / Gesang - Perkussion - Aufnahme - Abmischung: Simon Stockhausen

- elektrische und akustische Gitarre: Leonid Soybellman (Estland)

- akustisches Schlagzeug: Anthony Buck (Australien)

- Sprache/Gesang: Andrea Stockhausen-Bürgin

- Produktionsassistent: Albrecht Leu

Produziert und aufgenommen im Studio Berlin-Kurfürstenstraße Februar bis April 2000 - Abmischung im Studio der Akademie der Künste -Toningenieur: Herr Morawitz

Als klangliches Ausgangsmaterial für diese Komposition diente mir eine von der ISAP in Auftrag gegebene und vom AdK Studio produzierte CD mit Harley-Davidson Rohmaterial; Aufnahmen von Start´s - Leerlauf -(Fehl-)Zündungs-vorgängen sowie von verschiedenen Drehzahlbereichen - Tunneldurchfahrten Hupen etc.
Ich selektierte die rhythmisch und klanglich interessantesten Aufnahmen, setzte mich an den Sampler und stieß als erstes auf einen 18/4 Leerlaufrhythmus. Als zweites knatterte mir ein 9/8-Rhythmus in´s Ohr (eigentlich ein langsamer Dreier ...an der schönen blauen Donau), es zündete alsbald auch bei mir und schon war ich mittendrin, baute ein Formschema aus den gefundenen Rhythmen, schrieb das erste Thema, dessen Rhythmus synchron mit den einzelnen Kolbenschlägen des ersten 18/4 Loop´s ist und entwickelte mittels digitaler Zeitspreizung/stauchung - extremer dynamischer Komprimierung - Filterung - Schleifenbildung und Mischung mit synthetisch erzeugten Klangstrukturen die Grundatmosphäre des Stücks.
In den nächsten zwei Monaten fügte ich peu a peu Textfragmente hinzu und nahm vom 17.-20.4. mein Saxophon, die unerhörten Gitarrenklänge von Leonid Soybellman, das Schlagzeug von Tony Buck und die Stimme meiner Frau Andrea zu dem existierenden Grundgerüst auf.
drivin on my Harley durch ein Abflussrohr skandierend-hyperventilierend- wunderte ich mich über meine Innenresonanz und fühlte mich wie ein Harley-Indianer.



Artikel im Tagesspiegel Berlin(15.09.2003) von Thomas Loy nach der offiziellen Uraufführung:

Im Zwölf-Kolben-Takt
Beim Konzert mit Harley-Davidson steht in der Partitur: Aufheulen, Fehlzündung, Blinker

Sven Ake Johannson nähert sich gemessenen Schrittes dem Dirigentenpult. Der hagere Komponist scheint in sich vertieft, lächelt nicht, zwinkert nicht ins Publikum. Es wird still, bis auf eine freche Möwe. Johannson hebt seinen rechten Zeigefinger, zielt auf einen der Musiker, die alle diese Angeber-Sonnenbrillen tragen. Die linke Hand von Johannson macht nun eine sehr elegante, sehr markante, eine für die gesamte Komposition charakteristische Drehbewegung. Sie bedeutet: Motor anlassen.

Schrumm-flap-flap-flap-flap.

Die Welturaufführung des „Konzertes für MC (Harley Davidson) und gemischten Chor“ auf dem Parkdeck der „Spandau-Arkaden“ hat begonnen. Das ist hier jetzt kein Trash, sondern ganz eindeutig Musik, versichert Kurator Christoph Metzger, angelehnt an den Futurismus. Das Konzert mit 12 Harley-Davidson-Motorrädern als Klangkörper sei Schluss- und Höhepunkt des „Conceptualism“-Festivals der Akademie der Künste. (Darin war Avantgarde-Künstler Johannson bereits mit einem Konzert für Handfeuerlöscher vertreten.)

Der Dirigent hat keine Partitur vor sich liegen, sondern einen nüchternen Ablaufplan - zum Beispiel Ziffer 10: „Alle mit kurzem Aufheulen einzeln auf Zeichen.“ Das Publikum – vor allem Künstler und Biker – ist amüsiert bis irritiert. BMW-Fahrer Rainer Poploth fällt zu Johannsons Werk nur ein: „Katastrophal“. Ihn stört, dass die Motoren die ganze Zeit im Leerlauf tuckern müssen. Eine Harley klinge doch erst richtig, wenn der Motor den Widerstand der Straße niederkämpfen muss.

Auch einige Harleys reagieren verschnupft: Nummer 3 blinkt Alarm. „Batterie leer“, sagt der Musiker, der auf ihr sitzt. Das erfolglose Kickstarten bei Nummer 4 führt immer wieder zu Misstönen. Nummer 11 würgt sich gelegentlich selbst ab. Die 1. Geige, Nummer 6, läuft dagegen einwandfrei.

Nach Johannson kommt Dieter Schnebel (zuletzt „Kammermusik mit Spielautomaten“) ans Pult. Schnebel hat vor sich ein richtiges Blatt mit Notenlinien, allerdings gibt es keine Achtel, sondern „Fehlzündungen“ oder „Blinker an“. Der Maestro hat den Harleys eine Trompete beigegeben, die sich bemüht, wie ein Motorrad zu schrammeln. Bei Schnebel dürfen die Harleys endlich mal zeigen, was sie können: Hupen, Licht an (Nummer 4 und 5 versagen den Dienst) und endlich eine Runde drehen. Biker Poploth ist etwas erleichtert. „Schon besser.“

So richtig Harley-Feeling kommt erst beim dritten Klangmeister auf: Simon Stockhausen, bedeutend jünger als seine Mistreiter. Er lässt die Harleys auf einem euphorisierenden elektronischen Klangteppich über das Parkdeck gleiten, dirigiert nicht nur die Gashebel, sondern auch die tänzerisch-choreographische Ausdruckskraft einer Harley-Stafette. „Drivin on my Harley“, heißt sein Werk. Das Publikum fährt voll drauf ab.
Thomas Loy