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Transverse Wave (2019)

Sechskanalige Klang- und Musikinstallation von Simon Stockhausen zu einer Ausstellung mit Kunstwerken von Mary Bauermeister und Rashid Al Khalifa in den Ausstellungsräumen von me Collectors Room/Stiftung Olbricht vom
15. November 2019 – 31. Januar 2020.

 

 

 

Text zur Ausstellung von den Kurator*innen Karin Adrian von Roques und Hauke Ohls:

„Die Differenz der Kulturen, die Differenz der Künste und die der Sinne sind Bedingungen, nicht Begrenzungen der Erfahrung im Allgemeinen und ebenso verhält es sich mit der gegenseitigen Verschränkung dieser Differenzen.“ 
(Jean-Luc Nancy, Zum Gehör, Zürich, Berlin 2014 (2002), S. 23.)

Es sind diese „Bedingungen der Erfahrung“, die in der Ausstellung Transverse Wave hergestellt werden. Mit Mary Bauermeister (*1934, Deutschland) und Rashid Al Khalifa (*1952, Bahrain) konnten eine Künstlerin und ein Künstler für den me Collectors Room Berlin gewonnen werden, die nicht nur in verschiedenen Kulturräumen sozialisiert wurden, darüber hinaus setzen sie in ihrem künstlerischen Schaffen an gegensätzlichen Enden an.
Während die Werke von Mary Bauermeister aus gefundenen, zumeist organischen, jedoch grundsätzlich in zuvor Natur- oder Gesellschaftsprozessen eingebundenen Materialien bestehen, greift Rashid Al Khalifa auf künstliches, dem industriellen Kontext entspringendes Material zurück. Seine Objekte verweisen anhand ihrer regelmäßigen, gerasterten Struktur und den verwendeten Stoffen auf eine minimalistische Ästhetik mit strenger Serialität. Bei Mary Bauermeister sind ebenfalls konstruktive Prozesse zu verzeichnen, jedoch sind ihre Arbeiten Ordnungsversuche von natürlich Gewachsenem; oder, wie im Fall der ausgestellten „Lichttücher“, ist der Zufall für das Entstehen der Strukturen verantwortlich.

Eine weitere „Differenz der Künste“ und insbesondere eine „der Sinne“ ergibt sich mittels der Komposition von Simon Stockhausen (*1967, Deutschland). Der Komponist, Musiker und Sound Designer hat eine Auftragskomposition für den Ausstellungsraum entwickelt, die sich spezifisch auf den Ort, die Kunstwerke und deren Hängung bezieht. Aus insgesamt sechs Lautsprechern entsteht ein musikalisches Feld, welches nicht nur auf die Objekte im Raum reagiert, sondern auch deren Konstruktionsprinzipien reflektiert.

Dabei ist die gedachte „Diagonale“ im Ausstellungsraum von besonderer Bedeutung: Die AusstellungsbesucherInnen können den Raum von einer Ecke quer zur gegenüberliegenden Ecke imaginär unterteilen, wobei auf der einen Seite die Kunst von Mary Bauermeister und auf der anderen die Werke von Rashid Al Khalifa zu finden sind. Diese Aufteilung hat keinen separierenden Charakter, da sie innerhalb eines gemeinsamen Ausstellungsraums und darüber hinaus nur „gedacht“ stattfindet. Die direkte Konfrontation und damit visuelle Interaktion der Kunst im Blickfeld der Besucherin oder des Besuchers ist nicht die einzige Art der „Verschränkung“. Dadurch, dass die Komposition auf einer symbolischen Ebene die Konstruktionsprinzipien der Werke aufgreift und diese im Raum wandern lässt, entsteht auf einer zusätzlichen Ebene eine auditive Interaktion. Eine Diagonale in einem rechteckigen Raum bietet den Vorteil, dass ein striktes links und rechts der Raumaufteilung vermieden wird, es ist vielmehr eine „weiche“ Separierung die erst langsam hervortritt. Ein weiteres Mittel der „Verschränkung“ liefert das in der Ausstellung omnipräsente Thema Licht. Während mehrere Arbeiten von Rashid Al Khalifa die Qualitäten des Lichts thematisieren und benötigen, senden einige Werke von Mary Bauermeister ebenjenes aktiv aus: Die Emanationen ihres Lichttuchs Untitled (Light Sheet), die zur Ästhetik des Werks untrennbar gehören, wirken auf die Erscheinung von dem Hängeobjekt Pressure Wave (Mobile Column II) von Rashid Al Khalifa ein.

Der Titel Transverse Wave liefert eine poetische Metapher für die mit der Ausstellung angestrebten Effekte. Eine „Transversalwelle“ schwingt senkrecht zu ihrer Ausbreitungsrichtung; von einer Seite angestoßen, trifft sie mit einigem Zeitabstand auf die gegenüberliegende Seite, wodurch eine Verbindung entsteht, die auch wiederum gegenläufig gedacht werden kann. Das Prinzip der Welle und die damit einhergehende Verbindung tritt nicht nur als Licht- oder Soundwelle auf, sondern rekurriert ebenso auf die Hervorbringung des Materials für die Steinbilder, die Gestaltungsprinzipien der Kunstwerke sowie den hörbaren Ereignissen in der Komposition.


Text von Simon Stockhausen zur Ausstellung:

Die speziell für den Ausstellungsraum im me Collectors Room entworfene Klanginstallation zu Transverse Wave kontrastiert, überlagert und transformiert zwei kontrapunktierende Arten von Klangmaterial: Organische, naturbezogene, aleatorische Klangtexturen für die eine Seite der Raumdiagonale, in der Werke meiner Mutter Mary Bauermeister präsentiert werden - eine spezielle Auswahl aus ihrem umfassenden Œuvre, die den Fokus auf ihre ikonischen Stein-Arbeiten legt, dazu eine hybride Skulptur mit dem Namen Howevercall, die einen verbrannten Baumstamm mit organischem Strandgut kombiniert und zwei ihrer gestickten Leinentücher - und mehr strukturierte, polyrhythmische, minimalistische Musik für die Kunstwerke von Rashid Al Khalifa auf der anderen Seite der Raumdiagonale.

Einige der klanglichen Ingredienzien für den Bauermeister-Soundtrack habe ich im Juli 2019 an der Atlantikküste Frankreichs aufgenommen wo man endlose Strände mit Kies und größeren Steinen findet, die von den Gezeiten bewegt werden. Da die Auswahl von Bauermeister-Werken für diese Ausstellung hauptsächlich ihre Stein-Arbeiten berücksichtigt und meine Mutter mich seit Jahren darum bittet, eine Stein-Musik für diese Werkgruppe zu komponieren, war jetzt die Gelegenheit, eben dieses zu tun. Über viele Dekaden hat Mary in ihren Werken zehntausende von Steinen verarbeitet, gesammelt an zahlreichen Stränden Europas und ich kann mich noch an einige aufregende Ferienreisen in unserem alten VW- Bus erinnern, wir fuhren für Tage, kamen zu einem Strand und sammelten dann eimerweise Steine ein, luden diese in den Bus, dessen Achsen in Folge der Stein-Überladung auf dem Rückweg nach Deutschland oft zu brechen drohten.

Diese hypnotisierenden Klänge von Steinen, die von Meereswellen im Atemrhythmus des Ozeans bewegt werden, habe ich oft elektronisch prozessiert, ihr dynamisches Verhalten bestimmt die Form und den Klangfarbenverlauf des Soundtracks. Andere Zutaten sind Feuerklänge, Steine, die auf Felsen prallen, Lithophon, Wind, Vogelstimmen, im Wind flatternder Stoff, Holzobjekte, Holzblas- und Streichinstrumente, menschliche Stimme, Atemgeräusche.

Die Musik für die Kunstwerke von Rashid Al Khalifa setzt sich aus metallischen Klängen zusammen, erzeugt von chromatischen und pentatonischen, metallischen Perkussionsinstrumenten, verschiedenen Glocken, Klängen von Metallgittern, industriellen Klängen aber auch rein synthetischen, digitalen Klangfarben und gelegentlichen klanglichen Zitaten aus seiner kulturellen Umgebung. Da Rashid Al Khalifa nicht "gefundene" Objekte zusammensetzt und arrangiert, sondern Skulpturen aus Metall anfertigt, vermitteln seine Kunstwerke viel mehr den Eindruck von "produzierter" Kunst.
Die faszinierenden Strukturen in den Arbeiten aus seiner Parametrics-Serie oder dem Werk Pressure Wave (Mobile Column II) inspirieren mich zur spielerischen Komposition von minimalistisch-rhythmischen Klangtexturen in denen sich der Schwerpunkt einer Taktart beständig verschiebt, so als würde der vor einem dieser Werke stehende Betrachter die Perspektive wechseln. Andere Arbeiten wie Oscillation, Spherical Compression oder Diffraction benötigen eine noch sparsamere akustische Begleitung, zum Beispiel ein einzelner, pulsierender Klang, der sich langsam im Raum bewegt.

Der sechskanalige Soundtrack wird mittels sechs Lautsprecherstationen projiziert - drei auf jeder Seite der Raumdiagonale - was sowohl eine klare Trennung der beiden Klangwelten ermöglicht als auch die Rotation geschichteter Klänge aus beiden Ebenen durch den gesamten Ausstellungsraum. Sogar die gezielte Bespielung einzelner Objekte in der Nähe einer der sechs Lautsprecherstationen werden so möglich sein. Eine der verwendeten Produktionsmethoden war es, Klangtexturen direkt aus den digitalen Fotos der ausgestellten Werke abzuleiten, ein Verfahren, mit dem ich mich seit vielen Jahren beschäftige und welches ungewöhnliche musikalische Ergebnisse hervorbringt aber auch unbekannte Klänge, die nicht von dieser Welt zu stammen scheinen.
Ich hoffe, dass es mir gelingen wird, die allgemein übliche Aufmerksamkeitsspanne des Betrachters/Zuhörers auszudehnen, da der in Endlosschleife abgespielte Soundtrack eine Dauer von ca. 40-50 Minuten haben wird.

Simon Stockhausen, August 2019


Kritiken zur Ausstellung:

Berliner Zeitung

Tagesspiegel

art in berlin

Zitty